Geschichten

aus dem Alltag

Knochenmarkspende

Im Herbst 2019 war ich auf einer Intensivstation in Berlin eingesetzt, als ich einen besonderen Brief erhielt...

 

Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) informierte mich, dass ich als passender Knochenmarkspender für einen an Blutkrebs erkrankten Patienten in Frage kam. Nach einigen Voruntersuchungen war klar, dass ich tatsächlich der geeignetste Spender bin. Nach meiner Einverständniserklärung wurde ein Termin für die Spende veranschlagt.

Eine Knochenmarktransplantation ist ein einschneidender und hochrisikoreicher Eingriff für die empfangende, erkrankte Person. Als Empfänger wird man vor der Transplantation einer Vorbehandlung mit einer sehr aggressiven Chemotherapie und ggf. Bestrahlung unterzogen, um das erkrankte, patienteneigene Knochenmark zu zerstören und „Platz“ für das neue, gesunde Knochenmark zu machen.

In diesem Fall befand sich der Empfänger in den USA, die Entnahme der Knochenmarkzellen sollte die Charité durchführen, die Koordination und Kommunikation lag in der Hand der DKMS in Würzburg, wo ich mich vor Jahren registriert hatte.

Auch ich musste mich einer Vortherapie unterziehen. Über mehrere Tage musste ich mir einen Wachstumsfaktor spritzen, um die Knochenmarkzellen in meinen Blutkreislauf zu mobilisieren. Nebenwirkung dieser Behandlung sind ausgeprägte Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit und Müdigkeit.

Ich informierte meinen Oberarzt auf der Intensivstation, der für die Dienstplanung zuständig war, über die anstehende Spende. Ich teilte ihm mit, dass ich breit bin, während der Stimulationsphase weiterzuarbeiten und bat, am Termin der Spende frei zu bekommen. Schnell bekam ich die Rückmeldung, dass es nicht möglich sei, mir den Tag der Spende freizugeben. Der Dienstplan gab dafür offenbar keinen Optionen her. Der Oberarzt schlug mir vor, die Spende auf einen anderen Tag zu verschieben. Einen Tag, auf welchen ich zur Nachtschicht eingeteilt war und bis morgens um 9 Uhr auf der Intensivstation arbeiten würde.   

Ich kontaktierte also das zuständige DKMS-Zentrum. Es wurde Rücksprache mit dem behandelnden Krankenhaus in den USA und mit der Charié gehalten. Nach großem organisatorischem Aufwand konnte der neue Termin festgelegt werden.

Während in den Tagen vor der Spende durch die Nebenwirkungen der Stimulation meine Glieder- und Rückenschmerzen immer schlimmer wurden und ich dauerhaft Medikamente einnehmen musste, um die Beschwerden zu kontrollieren, arbeitete ich Nachtschichten auf der Intensivstation.

Die Spende musste ungewöhnlich spät beginnen, weil ich ja zunächst meinen Dienst beenden und dann direkt zur Charité fahren musste. Als die Fachangestellten bei der Entnahme hörten, dass ich die Nacht durchgearbeitet hatte, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen.

Die Knochenmarkspende verlief komplikationslos. Ich konnte währenddessen sogar etwas schlafen.

Durch einen hohen persönlichen Einsatz hatte ich mal wieder kompensiert, dass im Krankenhaus ein Zustand der gravierenden Unterbesetzung zur Normalität geworden ist. Der dienstplanbeauftragte Oberarzt war keineswegs bösartig, er hatte schlichtweg keine andere Möglichkeit, als mich so einzuteilen. Und so erleben wir in Deutschland, dass an den Orten, wo die Kränkesten versorgt werden, Arbeitsausfall durch Krankheit oder eben eine Knochenmarkspende nicht vorgesehen ist und zum Kollabieren des Systems führt. 

Lukas B.

Das schlechte Gewissen

Auch ich bin mir nicht sicher, wie lange ich es aushalte, obwohl ich meinen Beruf im Krankenhaus liebe.

 

Seit 2 Jahren arbeite ich als internistische Assistenzärztin. Immer wieder höre ich von ehemaligen Kommiliton*innen und Pflegenden, die den Job in der Klinik nicht mehr aushalten, jetzt was anderes studieren, sich umorientieren. Auch ich bin mir nicht sicher, wie lange ich es aushalte, obwohl ich meinen Beruf im Krankenhaus liebe.

Schuld daran ist, dass im DRG-finanzierten System kein Platz ist für gute evidenz-basierte Medizin, kein Platz für interdisziplinäre Zusammenarbeit, Gespräche, Weiterbildung, Lehre. Und vor allem ist da keine Zeit, weil überall am Personal gespart wird, wo es möglich ist.

Mein Arbeitsalltag bedeutet für mich maximal Zeit einzusparen, weil das Finanzierungssystem den Klinikkonzern motiviert, maximal Personal einzusparen.

Die Zeit sitzt mir ununterbrochen  im Nacken, weil ich zu viele Patient*innen betreuen muss.

Wenn ich morgens, die Treppenstufen hocheilend, denke: „Wie komme ich heute (einigermaßen) pünktlich raus?“ Wenn ich erleichtert bin, dass ein*e Patient*in bei Visite nicht im Zimmer ist. Wieder 2 Minuten gespart. Ja, denn mehr als 2-3 Minuten sind es nicht, die ich bei meinen 18 Patient:innen verbringen kann.

Jeder Gang zur Toilette am anderen Ende der Station muss mit einer Kurzvisite verbunden, jeder Gang über den Flur muss geplant sein. Denn ein*e Patient*in (oder - vor Corona – ein*e Angehörige*r), die mich zufällig noch ein 2. Mal auf dem Flur trifft, kann gut mal 20 Minuten „kosten“.

Mein Kopf rechnet immer mit, wie viel Zeit vergeht, während ich auf der Suche nach einem funktionierenden BGA-Gerät (Blutgasanalyse) durch‘s Haus renne oder eine Patientin auf die Intensivstation verlegen muss. Wo kann man diese Zeit später wieder einsparen?

Schaff‘ ich es heute vielleicht für eine halbe Stunde in die Funktionsabteilung, um mich als Ärztin in Weiterbildung mal weiterzubilden?

Dann diese Erleichterung, wenn meine Familie mal nicht zuhause auf mich wartet. Da kann ich ohne schlechtes Gewissen einfach mal 1 oder 2 Stunden länger bleiben, mal ein privates (10-minütiges) Gespräch mit einer Kollegin führen, ohne dass in meinem Kopf die Uhr tickt. Dann kann ich ohne Zeit im Nacken mit einem besonders schwer erkrankten Patienten sprechen.

Mein Kopf rast ununterbrochen, ich habe das Gefühl, dass ich in der Klinik stets 120% meiner möglichen Kapazität gebe. Wenn ich nach Hause komme, ist der Kopf leer. Mein Freund sagt oft, dass ich wie ein Zombie aussehe, wenn die Klinik mich gerade „ausgespuckt“ hat.

Mit der Zeit im Nacken mache ich meine Arbeit nicht so, wie meine Patient*innen, meine Kolleg*innen, meine Angehörigen und schließlich ich selbst es verdient hätten.

Sowieso, das schlechte Gewissen.

Das schlechte Gewissen, weil ich fragende Augen wahrnehme und ignoriere, um schnell aus dem Zimmer zu kommen. Weil ich so tue, als hätte ich die winkenden Arme am Ende des Flures nicht gesehen. Weil ich es immer noch nicht geschafft habe, die Angehörigen meiner dementen Patientin anzurufen oder gar ihren Rehaantrag auszufüllen. Weil ich meinen eigenen Ansprüchen an mich als Ärztin nicht gerecht werde.

Das schlechte Gewissen ist am Ende häufig das, was die Leute nicht aushalten, die aus der Klinik abhauen.

Anonym

Kein Platz für Rehabilitation

In unserem Fall wäre die Übernahme des Patienten einem Verlustgeschäft gleichkommen.

 

Vor einigen Wochen behandelten wir einen älteren Patienten stationär in unserer Abteilung. Als wir die Therapie abschließen konnten, war die Verlegung zur dringend notwendigen Rehabilitation in eine andere Abteilung unseres Hauses geplant. Der Oberarzt dieser Abteilung lehnte die Übernahme des Patienten jedoch mit Hinweis auf den niedrigen Case Mix (= niedriger Erlös) ab, was ihm sichtlich unangenehm war.

 

Jeder der im Krankenhaus tätig ist, kennt diese Art von Entscheidung im Alltag. Das DRG-System setzt das Krankenhauspersonal ökonomischen Zwängen aus und macht profitorientiertes Handeln wichtiger als medizinisch sinnvolles. Wirtschaftlicher Druck auf Ärzt*innen und finanzielle Gewinnaussichten für bestimmte diagnostische oder therapeutische Entscheidungen führen dazu, dass nicht selten der Profit für das Unternehmen im Vordergrund steht, und nicht das Patientenwohl.

In unserem Fall wäre die Übernahme des Patienten einem Verlustgeschäft gleichkommen. Der Oberarzt hätte also mit der Übernahme die Kosten seiner Abteilung nicht decken können. Und da Krankenhauskosten zu fast zwei Dritteln aus Personalkosten bestehen, werden Verluste oft durch Stellenabbau kompensiert. Er musste daher eine wirtschaftliche Entscheidung treffen und hatte nicht die Option im Sinne des Patienten zu handeln.

Den Patienten haben wir in ein anderes Krankenhaus verlegt. Leider sind solche Abläufe längst zur Routine geworden und werden im stressigen Alltag oft nicht mehr hinterfragt.

Seit 11 Jahren arbeite ich in verschiedenen Positionen in unserem Gesundheitssystem. Angefangen habe ich im Rettungsdienst, arbeitete während des Studiums jahrelang in einer Notaufnahme und bin mittlerweile Assistenzarzt im 3. Weiterbildungsjahr. Den finanziellen Druck und dessen Folgen bekam ich an vielen Stellen zu spüren. Aber direkte Auswirkungen hat das DRG-System nun insbesondere auf meine Tätigkeit als Arzt. Verantwortung zu übernehmen und schwere Entscheidungen zu treffen, gehören für mich dazu. Dass aber bei Entscheidungen über die Gesundheit eines Menschen finanzielle Interessen Außenstehender eine signifikante Rolle spielen und sich Profite mit kranken Menschen machen lassen, möchte ich nicht als Normalität akzeptieren.

Das DRG-System hat diese unmenschlichen Fehlentwicklungen möglich gemacht und treibt sie weiter an.

 

W., 30 Jahre

Wie wollen wir leben?

... nicht zu wissen, wie wir die Arbeit schaffen sollen, Fehler aus mangelnder Gründlichkeit machen, mit den Kräften irgendwann so am Ende, dass wir keine Empathie mehr empfinden können.

 

Das Jahr 2020 hatte ich mir als das Jahr der friedlichen Revolution vorgestellt. Der Beginn des Weltfriedens, nicht nur unter allen Menschen, sondern auf dem ganzen Planeten. Das Ende des Kapitalismus, des Patriachats, der weißen Hegemonialherrschaft. Kein weiteres Ausrotten von Pflanzen-, Tier- oder Insektenarten, kein weiteres Wirtschaftswachstum durch Raubbau an der Natur, keine moderne Sklaverei, kein Krieg mehr. Was waren deine Visionen und Wünsche für 2020, für die zwanziger Jahre des einundzwanzigsten Jahrhunderts? Und dann kam Corona...

Eine Pandemie, die alle Menschen betrifft, und die uns vor Augen führt, wie wir aufeinander angewiesen sind, voneinander abhängig und uns dabei ständig selbst und gegenseitig im Wege stehen. Das Gesundheitssystem ist (auch global betrachtet) ein Bereich, in dem Menschen mit körperlichen oder psychischen Beschwerden möglichst schnell und erfolgreich geholfen werden soll. Die Struktur der Gesundheitssysteme (und die Art der Medizin) unterscheidet sich zwar von Land zu Land und von Region zu Region, aber es existiert doch überall. Dass Menschen einander beim Heilungsprozess helfen, hat eine jahrtausendealte, kulturübergreifende Tradition und ist oft unabdingbar. Es ist außerdem etwas Schönes. Ein Akt der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft und der bedingungslosen Liebe.

Und dann kommt jemand und sagt uns, wir sollen wirtschaftlich arbeiten. Keine Überstunden aufschreiben, mehr Arbeit in weniger Zeit schaffen, dafür auf Gespräche mit Patient*innen verzichten, keine Pausen machen, unterschreiben, dass wir bereit sind, mehr als 48 Stunden pro Woche zu arbeiten, inoffiziell bereit sein, auch über 55 Stunden pro Woche zu arbeiten, nicht zu wissen, wie wir die Arbeit schaffen sollen, Fehler aus mangelnder Gründlichkeit machen, mit den Kräften irgendwann so am Ende, dass wir keine Empathie mehr empfinden können und gereizt, frustriert und erschöpft sind.

Die Arbeit im Krankenhaus ist auf ihre Art belastend, oft kommen wir in Situationen, die uns emotional an unsere Grenzen bringen. Wir sind keine gefühllosen Maschinen, die mechanisch ihre Arbeit erledigen und nur für sich existieren.

Es gibt unzählige Beispiele für Situationen und Umstände, in denen aufgrund von kranken Strukturen ein Verhalten praktiziert wird, bei dem von wahrer Hilfe kaum noch die Rede mehr sein kann. Nicht, weil wir nicht wollen. Sondern weil wir nicht können. Es liegt nicht daran, dass wir nicht genug Yoga machen oder nicht genug Superfood essen (wobei auch das im Stress des Alltags untergehen mag). Es sind die Bedingungen, die verhindern, dass wir unsere Arbeit so machen können, wie wir es uns und unseren Patient*innen wünschen.

Der tägliche Applaus von den Balkonen war ja nett. Aber es macht mich wütend, dass die Politik und die Öffentlichkeit die Hilferufe und die Lösungsvorschläge so lange ignoriert hat, und auch weiterhin zu ignorieren scheint. Es soll scheinbar reichen, als Held*in bezeichnet worden zu sein, um unmögliche Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Der Mikrokosmos des Krankenhauses und des Gesundheitssystems spiegelt für mich den Makrokosmos der Gesellschaft und der Menschheit wider. Unter welchen Bedingungen und nach welchen Regeln wollen wir arbeiten und leben? Und was steht dieser Vision im Wege?

Anonym

Teufelskreis

Was also tun? Sie übernehmen die Sedierung und die Assistenz gleichzeitig. Was ist wenn eine Komplikation bei der Untersuchung auftritt?

 

Ich habe einige Jahre in einer Berliner Klinik als Endoskopieschwester gearbeitet. In der Abteilung war das tägliche Programm meistens sehr voll. Wir haben täglich oft sehr viele verschiedene Endoskopien gemacht. Jede einzelne Untersuchung ist sehr unterschiedlich. Für manche Endoskopien mit einem schwierigen Kasus braucht man oft viel Zeit, die meisten sind gut planbar, abgesehen von akuten Notfällen, und man könnte sich auf die Untersuchung einstellen und vorbereiten.

Was man vor allem dazu benötigt, ist ein Team aus mindestens 3 Leuten, dem Untersucher (Arzt), einer Sedierungschwester - pfleger und einer Assistenz. Jeder einzelne dieser 3 konzentriert sich auf sein Gebiet und gleichzeitig bildet man eine Einheit, die in einer unvorhersehbaren Situation gut zusammen agieren kann.

Was aber, wenn nun aufgrund von Personalmangel eine dieser Personen fehlt? In dem Fall nicht der Untersucher, sondern eine Pflegekraft? Das kann ich Ihnen beantworten. Wenn man keine/n nette/n andere/n Arzt*in bekommt, der/die einen bei der Sedierung unterstützt oder Sie die Untersuchung nicht gerade auf einer Intensivstation machen, wo Sie ein Anästhesist*in begleitet, ja dann sind Sie ganz schön angeschmiert, um es mal milde ausdrücken.

Was also tun? Ja Sie könnten auf eine Pflegekraft warten, aber diese befindet sich im schlimmsten Fall in der selben Situation, nur bei einer anderen Untersuchung. Warum nicht zusammen schließen und alles nach einander abarbeiten? Weil dann, kann ich Ihnen sagen, sind Sie morgen noch nicht fertig und wenn Sie dann an dem Tag auch noch den Rufdienst gewonnen haben bis zum nächsten Tag, dann ist der Punkt erreicht, wo Sie das erste Mal verzweifeln. Was also tun? Sie übernehmen die Sedierung und die Assistenz gleichzeitig. Das ist leider an manchen Tagen normal und das klappt auch meistens, aber Sie kommen in eine Situation, die Sie psychisch belastet.

Was ist wenn eine Komplikation bei der Untersuchung auftritt? Diesen Gedanken schieben Sie beiseite, müssen Sie, weil Sie werden aufgrund des nicht vorhandenen Personals dazu gezwungen. Ihre Gedanken sind: Wann werde ich heute zu Hause sein? Werde ich heute wieder so kaputt sein wie gestern? Wieviele Endoskope muss ich heute noch waschen und aufbereiten, damit morgen alles wieder benutzt werden kann oder sogar noch ungeplanter Weise am selben Tag benutzt werden muss. Kann ich meine liebenswerte Kollegin dazu bringen für mich länger zu bleiben? Viele Kollegen machen das, aus Zusammenhalt, aber so wird sich leider nie etwas ändern.

Also spielt sich folgendes Szenario ab: Sie machen eine Untersuchung nach der anderen und stehen mit oft um die 6 benutzten Endoskopen abends in der Aufbereitung und warten bis alle Endoskope gewaschen sind. Alleine dieser Vorgang wird sie nochmal 2 Std. Arbeitszeit kosten. Ein Rufdienst ist dafür vorgesehen in einer Endoskopie um Notfälle zu behandeln, aber ich sage Ihnen, an manchen Tagen arbeiten Sie noch vom normalen geplanten Tagesprogramm ab. Der Unterschied nur, Sie sind alleine.

Meine höchste Arbeitszeit war von 9:30 Uhr morgens bis 01:00 Nachts. Am nächsten Tag ging meine Arbeit um 7 Uhr wieder los. Das war der Tag, wo ich so verzweifelt war und das erste mal, wo mir vor Erschöpfung die Tränen liefen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe den Job, ich kann ihn sehr gut und führe ihn gerne aus. Aber so nicht. Das schlechte Gewissen, wenn ich bei einem Patient gleichzeitig sediert und assistiert habe, hat mich belastet. Die körperliche und lange Arbeit hat mich belastet und das, weil es nicht genug Personal gab! Mein untersuchender Arzt ist oft sehr spät auf Station gegangen. Wo die Assistenzärzte ebenfalls verzweifelt warteten.

Es ist ein Teufelskreis und wenn Sie Pech haben, geht es am nächsten Tag genau so weiter für Sie...

Endoskopieschwester

Eine seltsame Begegnung

Vor etwa zwei Jahren wurde ich als Vertreter unserer Abteilung zu einem Treffen mit einer Gruppe externer Unternehmensberater geladen. Anders als gedacht,  ging es dabei nicht um die Suche nach ernsthaften Lösungen für die offenkundigen Probleme.

 

In den letzten Jahren war ich mit der Dienstplanschreibung und Planung der Rotationen für die Assistenz- und Fachärzt*innen unserer Abteilung betraut. Dabei gab es den Konsens, jedem die gleichen Chancen in der Weiterbildung einzuräumen und sämtliche Dienste gerecht zu verteilen.  Unzählige Listen wurden geführt und persönliche Wünsche erfragt, um möglichst maximale Fairness sicherzustellen. Und schon in den Vorstellungsgesprächen wurden Teamplayer favorisiert, statt Ellenbogenmenschen. Beste Voraussetzungen also für eine gute und solidarische Dienstplanung. Doch die Realität sieht anders aus.

 

In den Jahren erlebte ich die Dienstplanschreibung meist als Verwaltung eines steten Personalmangels. Weiterbildung, Krankheit oder Überstundenabbau waren nicht vorgesehen.

Es ist ärgerlich, immer wieder Zusagen brechen zu müssen. Es ist deprimierend, Kolleg*innen nach Jahren der Stationsarbeit weiterziehen zu sehen, die keinen Fuß in den  Funktionsbereich gesetzt haben. Und es ist katastrophal, ein System mitzuverwalten, dass schon bei Ausfall einer Person, durch Krankheit oder persönliche Probleme, faktisch vor dem Zusammenbruch steht.

Immer wieder haben wir nach Auswegen gesucht.  Gemeinsam wurden neue Dienstplankonzepte und Lösungsvorschläge erarbeitet. Letztlich scheiterte das meiste mit Verweis auf die knappen finanziellen Ressourcen.

 

Vor etwa zwei Jahren wurde ich als Vertreter unserer Abteilung zu einem Treffen mit einer Gruppe externer Unternehmensberater geladen. Eine seltsame Begegnung. Anders als gedacht,  ging es dabei nicht um die Suche nach ernsthaften Lösungen für die offenkundigen Probleme mit Überstunden, Ausbildungsmangel und lückenhaften Dienstplänen. Es wurden stattdessen  „neue“ und zeitlich fixierte Arbeitsabläufe präsentiert, die in einem Stationsbuch festgehalten und fortan strikt eingehalten werden sollten.  Über Stunden kämpften die Kolleg*innen und ich gegen Vorstellungen der Gegenseite über die Abläufe und Notwendigkeiten in einem Krankenhaus an. Notfallversorgung, unabsehbare medizinische Zwischenfälle, persönliche Zuwendung für schwer Erkrankte und deren Angehörige, Unmöglichkeit der Gleichsetzung von Assistenz-, Fach- und Oberärzt*innen  in ihrer Leistungsfähigkeit und Krankenhaus als Ausbildungsbetrieb spielten für unser Gegenüber aber schlicht keine Rolle. Je länger das Gespräch dauerte, desto ersichtlicher wurde, wie weit die Vorstellungen von den Aufgaben eines Krankenhauses auseinanderliegen: Individuell notwendige Behandlungen und Ausbildung versus Zahlen und Straffung der Abläufe. Das Gespräch endete ohne einen sinnvollen Lösungsansatz.

Bei allem Unverständnis eignen sich die Berater  aber nicht als Schuldige. Sie machen die Arbeit, die sie für richtig halten und versuchen, ihr erlerntes Wissen über Privatisierungen und Profitoptimierung in das Krankenhaussystem zu übertragen.

 

Die wesentliche Frage lautet, ob wir als Gesellschaft die Umwandlung der Krankenhäuser zu gewinnorientierten Unternehmen mit allen Regeln des freien Marktes für erstrebenswert halten?

Durch Einführung der Fallpauschalen/DRG-System hat sich die Politik vorerst für diesen Weg entscheiden.

 

Ich arbeite seit 17 Jahren in unterschiedlichen Krankenhäusern. Zunächst als Zivildienstleistender, später als Krankenpfleger, dann als Arzt. Meine Beobachtungen decken sich mit denen vieler anderer. Der Druck nimmt immer weiter zu. Die Liegezeiten werden immer kürzer, die Ausbildung immer schlechter und die Belastung der Mitarbeiter*innen immer höher.

Ich frage mich, wohin das führen wird? Was ist das Ziel in diesem System? Wie kurz soll eine Liegedauer sein, um einen Menschen zu behandeln? Wie viele Minuten Pflege und Behandlung bedarf es, um einem Kranken zu helfen? Welche Krankheiten wollen wir künftig noch stationär behandeln, um jährliche Gewinnsteigerungen sicherzustellen? Woher sollen denn die guten Pflegekräfte und Ärzt*innen der Zukunft kommen, wenn wir heute nicht in Ausbildung investieren? Wie viele Klinikkonzerne sollen am Ende den Krankenhausmarkt unter sicher aufteilen und über lohnende künftige Behandlungen entscheiden?

 

Zurück zu unserem Dienstplan. Gemeinsam haben wir entschieden, solidarisch zu bleiben. Wir ermöglichen allen Kolleg*innen mindestens drei Monate Weiterbildung in der Funktion und kompensieren den Ausfall notfalls mit weiteren Überstunden für alle anderen.

Anonym

Die Unwürde geht weiter

Es folgte jeden Morgen ein Anruf vom Controlling ob die Antibiotikatherapie nicht einfach auf Tabletten umgestellt und der Patient sofort entlassen werden könne, er sei ja versicherungslos.

 

Alle Krankenhäuser unterliegen dem Zwang über die DRG Fallpauschalen ausreichende Einnahmen oder gar Gewinne zu erzielen um ihre Kosten zu decken.

 

Schon früh in meinem Arbeitsleben musste ich feststellen, dass diese Zwänge kein Krankenhaus ausnehmen, im Gegenteil ist der Kostendruck in kleinen Krankenhäusern noch viel größer. Dies liegt auch mit daran, dass die großen (universitären) Kliniken mit der Begründung von „Bettenmangel“ bzw. „fehlender Bettenkapazität“ Patienten mit (nach DRG) wenig lukrativen Krankheitsbildern, oder noch schlimmer Versicherungslose, in kleinere Häuser weiterschicken. Das DRG System macht die verschiedenen Häuser zu Gegenspielern und besonders in den Rettungsstellen ist man häufig in der Situation, dass man auf Ansage der Ober- und Chefärzte in großen Häusern lange Zeit am Telefon verbringt in dem Versuch, diese „nicht erwünschten“ weil „nicht einträglichen“ Patienten in andere Rettungsstellen zu verlegen, am besten ohne einen etwaigen fehlenden Versicherungsstatus zu erwähnen. Umgekehrt muss man in kleineren Häusern gut abwägen, welche Patienten man übernehmen sollte und welchem verlegenden Haus man vertrauen kann. 

 

Für Patienten bedeutet diese Praxis oft stundenlang in der ersten Rettungsstelle auf eine Untersuchung und die Ergebnisse, und anschließend weitere Stunden auf einen Transport zu warten. Am Ende kommen sie oft völlig erschöpft von der langen Tortur im weiter behandelnden Krankenhaus an.

Natürlich müssen gerade die Unikliniken ihre Kapazitäten teilweise für die schwierigen Fälle freihalten, schließlich sind es spezialisierte Zentren. Aber das Ausmaß nimmt zu. Und für alle Beteiligten ist es traurig und menschenunwürdig, aufgrund des Kostendrucks in dieses „Verlegespiel“ hineingezogen zu werden, als Patient wie als Arzt/Ärztin.

 

Aber die Unwürde geht weiter: In einem meiner Rettungsstellendienste hatte ich einen versicherungslosen, obdachlosen Patienten mit schwerer Lungenentzündung aus einem größeren Haus übernommen. Der Patient benötigte neben Sauerstoffgabe eine intravenöse Antibiotikatherapie. Diese sollte für mindestens 3 Tage intravenös erfolgen, je nach Verlauf auch länger, bevor auf eine orale Therapie umgestellt wird. Es folgte ab Tag 1 jeden Morgen ein Anruf vom Controlling (eine Abteilung, die möglichst hohe Einnahmen über Kontrolle der Liegedauer, der DRG-Diagnosen etc. sicherstellen soll) ob die Antibiotikatherapie nicht einfach auf Tabletten umgestellt und der Patient sofort entlassen werden könne, er sei ja versicherungslos.

 

Ich war fassungslos: In was für einem Gesundheitssystem arbeiten wir hier? Wollen wir wirklich zulassen, dass gewinnorientiertes Handeln wichtiger ist als das Patientenwohl?

 

Nora, Assistenzärztin