Krankenhaus und Umwelt

​Wie können wir Menschen nachhaltig auf unserer Erde leben? Diese Frage wird angesichts des menschengemachten Klimawandels immer drängender. Erkenntnisse aus der Klimaforschung zeigen eine düstere Prognose. Leben wir weiter wie bisher, werden schon in naher Zukunft unumkehrbare Prozesse die Lebensbedingungen auf unserem Planeten nachhaltig verändern. Um das zu verhindern, sind weitaus drastischere Maßnahmen des Klimaschutzes notwendig, als sie derzeit in Deutschland der Realität entsprechen. (1)

Wird dies Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben? Ein 2009 im Lancet erschienener Artikel zum Thema kommt zu dem Schluss, dass der Klimawandel die größte Gefährdung für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert darstellen wird. (2)

Dabei werden direkte und indirekte Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit unterschieden. Direkte Auswirkungen sind zum Beispiel Verletzungen durch Stürme und Fluten oder die Belastung des Herz-Kreislaufsystems älterer Menschen an heißen Tagen. Zu den indirekten Effekten gehören die Verbreitung von krankheitsübertragenden Stechmücken, die verminderte Qualität von Trinkwasser oder die gesundheitlichen Folgen von klimabedingter Migration.

Die Gesundheitsauswirkungen des Klimawandels werden sich nicht gleichmäßig auf alle Menschen verteilen. Vielmehr kommt es zu einer Verschärfung sozialer Ungerechtigkeiten. Während die reichen Nationen für den größten Anteil am menschgemachten Klimawandel verantwortlich sind, werden die ärmsten Menschen die Ersten sein, die unter seinen Folgen leiden.

Der Kampf gegen den Klimawandel kann jedoch eine große Chance für die Gesundheit der Menschen sein. Denn häufig führen Maßnahmen, die den Klimawandel eindämmen, gleichzeitig zu gesünderen Lebensbedingungen. Diese Effekte werden Co-Benefits genannt. So kommt es zum Beispiel durch die Reduktion der Verbrennung fossiler Energieträger zu einer Verbesserung der Luftqualität. Emissionsfreie Fortbewegungsweisen wie Laufen oder Fahrradfahren verbessern die Gesundheit einer Gesellschaft, in der Bewegungsmangel einen großen Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen darstellt. Ebenso sind die Gesundheitseffekte einer ballaststoffreichen Ernährung wünschenswert, die auf regionalem und saisonalem Obst und Gemüse und einen reduzierten Konsum von Fleisch und verarbeiteten Nahrungsmitteln basiert. (3)

Laut „The Lancet Countdown on Health and Climate Change“ von 2017 sind die zu erwartenden Gesundheitsauswirkungen des Klimawandels deutlich dramatischer, als bislang angenommen. Der Gesundheitssektor selbst trägt hierzu erheblich bei. Dadurch wirkt er seiner ureigenen Aufgabe indirekt entgegen – der Verbesserung der Gesundheit der Menschen. (4)

Krankenhäuser sind Orte mit enormem Umsatz von Materialien, Lebensmitteln, Wasser, Energie und Schadstoffen. Im Vereinigten Königreich werden die Emissionen des Gesundheitssystems (National Health Service, NHS) durch eine eigene Abteilung, die Sustainable Development Unit (SDU), systematisch erfasst. Mit 32 Millionen Tonnen CO₂ Äquivalent (MtCO₂e) pro Jahr ist der Gesundheitssektor für ca. 7 % der Gesamtemissionen des Vereinigten Königreichs verantwortlich. Die Haupt-Emissionsquellen („carbon hotspots“) im NHS sind Medikamente, Energieversorgung, Reise und Transport sowie Müll und Anästhesiegase. Die SDU erarbeitet Strategien zur Emissionsreduktion und setzt sich dabei ambitionierte Ziele. (5)

Mitarbeiter*innen im Gesundheitssystem erleben tagtäglich den massenhaften Anfall von nicht-getrenntem Krankenhausmüll. Schon eine einfache Blutentnahme verursacht durch die dafür benötigten steril verpackten Einmalartikel einen beträchtlichen Haufen Abfall. In Österreich gibt es ein spannendes Beispiel zur Rückkehr zu Mehrwegartikeln. Dort standardisierte die Allgemeine Unfallversicherung 2015 die OP-Abdecksysteme für ihre 11 Unfallkrankenhäuser und Rehazentren. Dabei setzten sich in der Ausschreibung zwei Unternehmen durch, welche den Krankenhäusern OP-Sets bestehend aus Mehrwegmaterialien zur Verfügung stellen und aufbereiten. Vorteile gegenüber Anbietern von Einmalartikeln sind Müllvermeidung, deutlich bessere Atmungsaktivität und dadurch gesteigerter Tragekomfort der sterilen Mehrweg-OP-Mäntel und verminderte Inanspruchnahme von Lagerkapazität. Häufig werden die Kosten für Lagerung und Entsorgung nicht in die Kalkulation mit einbezogen und nur die Einkaufspreise verglichen. Im beschriebenen Beispiel aus Österreich wurde ein Weg hin zur Kreislaufwirtschaft eingeschlagen, der sich als ökologisch und ökonomisch sinnvoll erwies. (6)

Eine zentrale Institution für Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen fehlt in Deutschland. Der hohe Kostendruck, dem Krankenhäuser ausgesetzt sind, verhindert weitsichtige und nachhaltige Investitionen und Strukturanpassungen. Das Gegenteil ist der Fall: Mit dem Ziel der kurzfristigen Kosteneinsparung werden wiederverwendbare Artikel zunehmend durch Einwegprodukt ersetzt. Recycling, regionales, saisonales und ökologisches Krankenhausessen sowie ökologische Gebäude- und Energiekonzepte spielen eine untergeordnete Rolle.

Dennoch gibt es einzelne Initiativen für mehr Nachhaltigkeit im deutschen Gesundheitssystem. So stellt der BUND das Gütesiegel „Energiesparendes Krankenhaus“ aus, wenn ein Krankenhaus seinen Energieverbrauch und CO₂-Ausstoß deutlich reduziert. (7) Das Projekt KliK green gibt 250 Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen die Möglichkeit, sich aktiv für den Klimaschutz einzusetzen. Im Projekt werden beschäftigte Fachkräfte zu Klimamanager*innen weitergebildet, um konkrete Klimaschutzziele für die Einrichtungen festzulegen, Maßnahmen zu planen und umzusetzen. (8) Auch wird sich der Deutsche Ärztetag im Mai 2020 schwerpunktmäßig dem Thema „Klima und Gesundheit“ widmen. (9)

In unserer Vision können Gesundheitspolitik und Klimapolitik nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Wir müssen anerkennen, dass unser Gesundheitssystem durch seine klimawirksamen Emissionen und seinen Ressourcenverbrauch die Gesundheit der Bevölkerung indirekt negativ beeinflusst. Unter der Maßgabe „first do no harm“ ist es an uns diese Effekte zu minimieren. Die Kommerzialisierung im Gesundheitssystem wirkt jedoch einer nachhaltigen Ausrichtung entgegen, somit ist ein Wandel aus dem System heraus unwahrscheinlich.

Wir fordern eine zentrale Institution, die sich mit der Erfassung der Auswirkungen des Gesundheitswesens auf das Klima und mit Strategien zu deren Reduktion befasst. Wir fordern einen an Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft orientierten Umgang mit Energie und Ressourcen im Hinblick auf die Gesundheit unserer und der kommenden Generationen.

Lukas Breunig

Quellen:

1 https://www.ipcc.ch/sr15/

2 Managing the health effects of climate change, The Lancet, 2009

3 Health and climate change: policy responses to protect public health, The Lancet, 2015

4 The Lancet Countdown on health and climate change: from 25 years of inaction to a global transformation for public 

health, The Lancet, 2017

5 https://www.sduhealth.org.uk/

6 https://recyclingportal.eu/Archive/11311

7 http://energiesparendes-krankenhaus.de/

8 https://www.klik-krankenhaus.de/das-projekt/projektbeschreibung/

9 https://www.aerzteblatt.de/archiv/208238/Deutscher-Aerztetag-2020-Klimawandel-wird-thematisiert

Links zum Thema:

https://www.klimawandel-gesundheit.de

 

https://iph.charite.de/forschung/klimawandel_und_gesundheit

 

https://www.vdaeae.de/images/stories/fotos2/Gesundheit-Klima-Positionspapier_2018.pdf

 

http://www.fraktiongesundheit.de

 

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/k/klimawandel-und-gesundheit.html

 

http://energiesparendes-krankenhaus.de

 

https://www.klik-krankenhaus.de/das-projekt/projektbeschreibung

https://gesundheitohneprofite.noblogs.org