Die ärztliche Weiterbildung

Ein junger Assistenzarzt frisch von der Universität - er muss nach ca. eineinhalb Wochen Einarbeitung die primäre Versorgung von 18 Patienten einer kardiologischen Station bewältigen, inklusive 10 Überwachungsbetten. Eine Berufsanfängerin in ihrer zweiten Arbeitswoche - sie muss einen Nachtdienst in der Notaufnahme übernehmen, aufgrund ihrer mangelnden Erfahrung übersieht sie die Sepsis einer Patientin. Eine Assistenzärztin im 3. Jahr - ohne ausreichende Unterweisung im Herzultraschall besetzt sie den Vordergrunddienst auf der Intensivstation.

Dies sind nur drei Situationen, welche beispielhaft Zustände skizzieren, die leider nicht länger nur die Ausnahme in deutschen Krankenhäusern darstellen. Zu kurze Einarbeitungszeiten, eine unstrukturierte Weiterbildung und Rotationen die erst spät in der Ausbildung oder nicht planmäßig erfolgen. Besonders junge AssistentInnen verlassen am Abend die Klinik, begleitet von der Angst vielleicht etwas übersehen zu haben oder eine Fehleinschätzung getroffen zu haben. OberärztInnen sehen sich aus Zeitnot immer häufiger gezwungen die täglichen Visiten auf kurze Fallbesprechungen zu limitieren. Auch regelmäßige Chefarztvisiten sind nicht länger selbstverständlich. Die Frage die sich hier stellt ist, wie kann unter solchen Bedingungen noch eine qualitativ hochwertige Weiterbildung von Jungärzten erfolgen? Jungärzte die zu Fachärzten - eigenverantwortlichen Entscheidungsträgern - ausgebildet werden sollen?

Eine Umfrage unter 1300 ÄrztInnen des Hartmannbundes 2016/2017 ergab, dass 77,3% aller Befragten die eigene Einarbeitung lediglich als befriedigend bis mangelhaft einschätzen. 67,9% gaben an, dass es in ihrer Klinik keine strukturierte Weiterbildung mit definierten Jahreszielen gibt. (1)

Doch wie ist die ärztliche Weiterbildung eigentlich organisiert? Nach dem Erhalt der Approbation beginnt die Weiterbildungszeit. Diese hat das Ziel, die für eine bestimmte ärztliche Tätigkeit notwendigen Kenntnisse, Fähig- und Fertigkeiten zu vermitteln. Dies erfolgt im Rahmen einer ca. 5-7-jährigen Berufstätigkeit, unter Anleitung durch zur Weiterbildung befugte ÄrztInnen auf der Basis einer strukturierten Weiterbildungsordnung. Diese wird für jede Facharztrichtung von den Landesärztekammern erstellt und enthält neben inhaltlichen Anforderungen auch Mindestzahlen für diagnostische und therapeutische Maßnahmen, sogenannte Richtzahlen. In der Regel wird der Hauptteil der Facharztweiterbildung im stationären Sektor, also z.B. im Krankenhaus abgeleistet. Zumindest teilweise kann auch ambulant, also z.B. in einer Praxis, gearbeitet werden. Abgeschlossen wird die Weiterbildung mit einer Facharztprüfung.

Um die Facharztprüfung ablegen zu können, müssen alle in der Weiterbildungsordnung festgelegten definierten Anforderungen erfüllt, in einem Logbuch dokumentiert und durch den Vorgesetzten bescheinigt werden. Dabei ist es entsprechend der geltenden Verordnungen die Pflicht der Weiterbildungsstätte die notwendigen personellen und strukturellen Ressourcen für eine vollständige und qualitativ hochwertige Ausbildung vorzuhalten. In der Realität jedoch werden den Assistenzärzten viele Untersuchungen bescheinigt, die sie gar nicht selbst durchgeführt haben.

Ein Rechercheteam vom rbb konfrontierte Franz Bartmann, Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein und zu der Zeit Vorsitzender der Arbeitsgremien „Aus-, Fort- und Weiterbildung“ der Bundesärztekammer, mit Aussagen von ÄrztInnen diese Umstände betreffend. Aus seiner Antwort geht hervor, dass dem Kontrollorgan Bundesärztekammer das Problem nicht fremd zu sein scheint. Laut Herrn Bartmann geht man davon aus, dass in der bisher geführten Form der Logbücher nicht eins zu eins nachvollziehbar wäre, ob das (Fälschung) tatsächlich auch gemacht worden ist“. (2) Zukünftig soll die Einführung eines elektronischen Logbuchs eine größere Transparenz liefern und eine bessere Kontrolle ermöglichen. Die Ursache des Problems wird unserer Meinung nach dadurch nicht gelöst.

Kliniken werden heute mehr denn je als gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen geführt. Namenhafte Beratungsfirmen werden engagiert um Prozessoptimierungen zu realisieren, welche in der Realität häufig darin münden die wachsende Arbeitsbelastung auf möglichst wenig ärztliches Personal zu verdichten. Eine hochwertige, sprich zeitaufwendige und ressourcenbindende, Ausbildung hat in diesem Konzept keinen Platz, zum offensichtlichen Nachteil der MitarbeiterInnen und langfristig gesehen nicht absehbaren Negativkonsequenzen für die Patientenversorgung. Wie sollen heranwachsende MedizinerInnen operative Eingriffe, invasive Untersuchungen oder diagnostische Verfahren am Ende ihrer Ausbildung sicher beherrschen, wenn im Alltag keine Zeit mehr zur Anleitung bleibt?  Wenn im Interesse der Kosteneffizienzsteigerung erfahrene FachärztInnen oder OberärztInnen die entsprechenden Prozeduren durchführen, weil das kostbare Zeit spart?

Der bereits eingesetzte Rückgang der Versorgungsqualität wird in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen, wenn sich an diesen Entwicklungen nichts ändert. Leidtragende sind bereits jetzt und werden in Zukunft mehr denn je die PatientInnen sein. Zusätzlich muss erkannt werden, dass unattraktive Arbeits- und Weiterbildungsbedingungen in deutschen Kliniken den Ärztemangel weiter verschärfen werden, zusätzlich zur bereits jetzt schon gebietsweise defizitären ärztlichen Versorgung.

Dabei sind gerade gut ausgebildete und motivierte MitarbeiterInnen, sowie eine moderne Ausstattung notwendig um auch zukünftig eine hohe Versorgungsqualität zu gewährleisten. Wir fordern daher eine separate Vergütung der Aus- und Weiterbildung, damit deutsche Kliniken wieder ausreichend in notwendige personelle und strukturelle Ressourcen investieren können. Weiterbildung muss einen hohen Stellenwert einnehmen und deren Durchführung muss im Ansehen steigen. Wir fordern verbindliche Arzt-Patienten Schlüssel, welche den Weiterbildungsauftrag der Kliniken mitberücksichtigen. Nur so kann eine vorrangig dem Patientenwohl und den geltenden Qualitätsstandards entsprechende ärztliche Weiterbildung garantiert werden. Zudem fordern wir ein Gütesiegel zur Zertifizierung der Weiterbildungsqualität. Der Arbeitskreis „Junge Ärztinnen und Ärzte“ des Marburger Bunds hat hierzu bereits 2017 das Projekt „Gütesiegel für gute Weiterbildung im Krankenhaus“ auf den Weg gebracht. (3)

In der Zusammenschau zeichnet sich schon seit längerem eine alarmierende Entwicklung ab. Die Qualität ärztlicher Weiterbildung scheint der voranschreitenden Ökonomisierung in der Medizin mehr und mehr geopfert zu werden. Dabei steht nicht weniger auf dem Spiel als das Wissen und die Fähigkeiten einer ganzen Ärztegeneration, der zukünftigen Entscheidungsträger in der medizinischen Versorgung. Im Klartext steht nicht weniger auf dem Spiel als das aktuelle und zukünftige Patientenwohl.

Michelle Jakob

Quellen:

1 https://www.aerzteblatt.de/archiv/186610/Umfrage-des-Hartmannbundes-Junge-Aerzte-hadern-mit-Klinikalltag

2 https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/bildung/zwischen-profit-und-moral-junge-assistenzaerzte-  unter-druck.html

3 https://www.marburger-bund.de/nrw-rlp/themen/mb-guetesiegel-gute-weiterbildung